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Wie der Tee nach Sylt kam

das Geschenk des Meeres

Die bekannteste Überlieferung: Der erste Tee in Keitum

Es war um das Jahr 1720, als der Keitumer Kapitän Jens Jacob Andresen – in manchen Erzählungen auch Andreas Jensen genannt – von einer weiten Fahrt zurückkehrte. Er war im Dienst der Niederländischen Ostindien-Kompanie unterwegs gewesen und hatte auf seinen Reisen Dinge kennengelernt, die auf Sylt noch fremd und ungewöhnlich waren.

In seinem Gepäck befand sich eine kleine Kostbarkeit: grüner Tee, vermutlich chinesischer Gunpowder. Dazu hatte er Porzellanbecher mitgebracht und eine Teekanne aus Delft.

Für seine Frau Marike, wie sie in manchen Überlieferungen genannt wird, waren diese Gegenstände ebenso fremdartig wie das Getränk selbst. Eines Tages beschloss sie, den Tee für einige Nachbarinnen zuzubereiten. Gemeinsam wollten die Frauen das Mitbringsel des heimgekehrten Mannes probieren. Im Andresen-Hof in Keitum, nicht weit von der heutigen Kirche St. Severin, kam man zusammen.

Neugierig betrachteten die Frauen die kleinen Blätter, die ihr Kapitän aus der Ferne mitgebracht hatte. Dann wurde heißes Wasser darüber gegossen. Der Duft, der aus der Kanne stieg, war ihnen ungewohnt. Schließlich schenkte Marike den Tee in die feinen Porzellanbecher ein.

Die Frauen kosteten – und schauten sich verdutzt an.

Heißes Wasser mit Blättern zu trinken, erschien ihnen reichlich sonderbar. Was sollte daran besonders sein? Also versuchten sie, dem fremden Getränk etwas Vertrautes zu geben. Zucker wurde hineingerührt, und bald kam auch Milch dazu.

J. Wollstein, Berlin, Dorfstrae, Keitum (Sylt), ca. 1900. Wikimedia Commons  Zeno.org, gemeinfrei (Public Domain)
J. Wollstein, Berlin, Dorfstrae, Keitum (Sylt), ca. 1900. Wikimedia Commons  Zeno.org, gemeinfrei (Public Domain) (1)


Als Jens Jacob Andresen davon erfuhr, soll er erstaunt den Kopf geschüttelt haben. So, erklärte er, mache man es nicht. Das sei „verkehrt“. Bei den Holländern trinke man den Tee anders.

Vielleicht war es nur eine kleine Begebenheit im Kreis einiger Frauen auf einem Hof in Keitum. Doch aus diesem neugierigen ersten Probieren entstand eine Erzählung, die bis heute mit Sylt verbunden wird: die Geschichte davon, wie der Tee seinen Weg auf die Insel fand – und wie aus einem fremden Getränk allmählich eine nordfriesische Tradition wurde.

Was den Frauen damals noch seltsam vorkam, sollte schließlich seinen festen Platz im Leben auf Sylt bekommen: eine dampfende Kanne Tee, feines Porzellan und Menschen, die sich bei einer Tasse Tee zusammensetzen und erzählen.

Sylt - Die Insel der zufällig gestrandeten Teeblätter

Die Teeblätter von der Theeknob

In den Sturmnächten der Jahre 1734 und 1735 tobte die Nordsee vor Sylt und Amrum. Wind und Wellen peitschten gegen die Küsten, und immer wieder wurden Schiffe von ihrer Route abgebracht und auf die gefährlichen Sandbänke getrieben.

Wenn am nächsten Morgen das Meer etwas ruhiger geworden war, machten sich die Sylter auf den Weg zum Strand. Was die See an Land gespült hatte, war für die Menschen von großem Wert. Holz, Fässer, Taue und andere Güter wurden aus den Wracks geborgen.

Eines Tages fanden sie unter der gestrandeten Ladung etwas, das ihnen völlig unbekannt war: getrocknete Blätter. Niemand wusste recht, was damit anzufangen war. Die Blätter stammten von weit her, aus Asien, und waren für die Sylter etwas Fremdartiges und Geheimnisvolles.

Doch die Menschen am Meer waren erfinderisch. Sie überlegten, wie sich die seltsamen Blätter verwenden ließen. Kohl gehörte zu den vertrauten Speisen der Inselbewohner. Also lag es nahe, die fremden Blätter zunächst einmal dort auszuprobieren. Man gab sie zu Kohlgerichten, verwendete sie in Salaten und sogar in Grützegerichten. Doch die Versuche waren nicht besonders erfolgreich. Die Teeblätter verliehen den Speisen einen ungewohnten, bitteren Geschmack. Die Sylter nannten die seltsamen Blätter schließlich „Lungkaal“ – eine Bezeichnung, die sowohl mit dem Grünkohl als auch später mit dem grünen Tee verbunden wurde.

Die Erinnerung an jene ungewöhnliche Strandgutladung ist bis heute mit der Küste verbunden. Der Bereich der Sandbank, an dem die Teeblätter gefunden worden sein sollen, trägt auf Seekarten noch immer den Namen „Theeknob“.

Bild Boot

Das Schiff am Norderknop

Es war das Jahr 1794, als vor der Küste Sylts ein Schiff in Seenot geriet. Es war von weit hergekommen, aus Asien, und hatte eine kostbare Ladung an Bord: Tee.

Doch die Nordsee kannte keine Rücksicht auf die Herkunft eines Schiffes und den Wert seiner Fracht. Wind und Wellen trieben das Schiff immer näher an die Sylter Küste. Schließlich strandete es am sogenannten Norderknop.

Als die Nachricht von dem Unglück die Küste entlanglief, machten sich die Menschen auf den Weg zum Strand. Gestrandete Schiffe bedeuteten für die Bewohner der Insel seit jeher eine Gelegenheit, wertvolle Dinge zu bergen. Diesmal aber stießen sie auf eine Ladung, mit der niemand so recht etwas anfangen konnte. Zwischen den geborgenen Waren fanden die Strandräuber getrocknete Blätter. Sie wussten kaum, was diese seltsame Fracht sein sollte. Tee war ihnen noch weitgehend unbekannt. Also musste ein Versuch zeigen, wozu die Blätter zu gebrauchen waren.


Jemand kam auf die Idee, sie wie Tabak zu verwenden. Man wickelte die trockenen Blätter und versuchte, sie zu rauchen. Doch der Versuch misslang. Die Teeblätter wollten nicht so brennen wie Tabak, und statt eines angenehmen, würzigen Rauchs entstand nichts, was die Sylter überzeugen konnte.

Die seltsamen Blätter blieben jedoch im Gedächtnis. Irgendwann erkannte man, dass sie gar nicht zum Rauchen gedacht waren.

Man sollte sie mit Wasser zubereiten. 

Was zunächst als rätselhafte Ladung eines gestrandeten Schiffes am Norderknop aufgetaucht war, wurde so nach und nach zu einem Getränk, das seinen festen Platz auf der Insel finden sollte.

Die Geschichte des gestrandeten Teeschiffes erinnert daran, wie manche Traditionen ihren Anfang nehmen: nicht in einem feierlichen Moment, sondern durch einen Zufall, ein gestrandetes Schiff und die Neugier der Menschen.


Seefahrer

Diese Legenden illustrieren den Zufallscharakter der Einführung des Tees auf Sylt: Ein Glücksfall der Geschichte, der stark zur Identitätsbildung beitrug. Im Unterschied zu anderen Regionen (etwa Ostfriesland, wo Tee allmählich durch den Handel eingeführt wurde), sind die Geschichten über die gestrandeten Schiffe an das Motiv der “Strandgut-Entdeckung” gebunden. Der Tee wurde somit als “Geschenk des Meeres” wahrgenommen , was der Symbolik des Tees auf Sylt einen besonderen Stellenwert verleiht.

Damit stellen sie einen einzigartigen, regionalspezifischen Ursprung dar und heben Sylt in der deutschen Teekultur als Insel der zufällig gestrandeten Teeblätter hervor.